Marktmacht weniger Firmen negativ für viele Beschäftigte

Einige wenige hochproduktive Unternehmen, Ketten und Konzerne geben einer Studie zufolge in einzelnen Branchen immer stärker den Ton an - und das bremst die Lohnzuwächse. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Montag (12. November) veröffentlichte Untersuchung von Prognos im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Beschäftigten der Dienstleistungsbranchen in Deutschland seien zwischen 2008 und 2016 potenzielle Lohnzuwächse von insgesamt rund 11 Milliarden Euro durch eine wachsende Unternehmenskonzentration entgangen.
Marktmacht weniger Firmen negativ für viele Beschäftigte
Bild: Ina Fassbender/dpa

Treiber dieser Entwicklung sei die Arbeitsweise sogenannter Superstar-Firmen in digitalisierten Märkten, die aber auch zu «Superkraken» werden könnten, sagte Studien-Mitautor Dominic Ponattu von der Bertelsmann Stiftung der Deutschen Presse-Agentur. Was für Unternehmen sind das? Eine genaue Definition gibt es nicht, der Begriff kommt aus den USA. Die Studie versteht darunter Ponattu zufolge die jeweils vier stärksten Player einer Branche. Merkmale: «Sie stellen ihre Produkte und Dienstleistungen oft besonders effizient her - dank digitaler Technologie mit vergleichsweise wenig Mitarbeitern.»

Wo trifft man diese Firmen an? Der Stiftung zufolge hierzulande vor allem in der Dienstleistungsbranche, es sind Logistik-Konzerne, Großhändler, Digitalfirmen, private Krankenhausgruppen oder auch große Discounter, Kaffeehaus- oder Gastronomieketten. Firmennamen will man in Gütersloh nicht nennen. Stattdessen ein konkretes Beispiel: «Der Kunde bestellt sich ein Essen an der Theke, bekommt ein elektrisches Gerät und holt sich dann bei Vibrationsalarm sein Essen selber ab. Das spart die Kellner.» Der Faktor Arbeit verliere an Bedeutung.

«Wenn Superstar-Firmen weite Teile einer Branche dominieren, wächst die Unternehmenskonzentration», erläutert die Untersuchung. Die in der Studie festgestellte Marktmacht habe aber nichts mit Kartellbildung, nichts mit unfairen Wettbewerbsvorteilen zu tun, stellte Ponattu klar. Diese Firmen hätten sich ihre Stellung mit Effizienz und Qualität erarbeitet. Sie zahlen oft höhere Löhne als ihre Konkurrenz. «Doch die Lohnzuwächse halten nicht Schritt mit ihrem enormen Produktionswachstum», bilanzieren die Autoren von Stiftung und Prognos.

Zudem setze das «normale» Betriebe unter Druck und es drohe eine «Einkommens-Ungleichheit», wenn Arbeitnehmer derselben Branche deutlich unterschiedlich verdienten, meinte Ponattu. Gesamtwirtschaftlich gesehen sollten Zuwächse für die Arbeitnehmer Schritt halten mit den steigenden Gewinnen der Firmen, «wenn der ökonomische Kuchen insgesamt größer wird».

«Superstar-Firmen» machen nach Angaben des Wirtschaftsexperten knapp ein Prozent aller Unternehmen in Deutschland aus. Je nach Branche seien dort 5 bis 15 Prozent aller Beschäftigten tätig. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Aart de Geus, betonte laut Mitteilung: «Wir brauchen Pioniere und Vordenker für unsere Zukunft. Doch wir müssen gleichzeitig sicherstellen, dass die ganze Gesellschaft profitiert, nicht nur eine Minderheit.»

Die Studie zeigt aber auch, dass die Entwicklung je nach Branche ganz unterschiedlich ausfällt - und es bei weitem nicht nur Schatten gibt. Bei den Finanzdienstleistern und Energieversorgern habe die Unternehmenskonzentration zwischen 2008 und 2016 abgenommen, es sei zu Lohnzuwächsen gekommen. In der Industrie - Maschinenbau oder Elektroindustrie - zeigten sich keine steigende Marktmacht Einzelner und auch keine negative Folgen für die Lohnentwicklung.

Das könne sich aber noch ändern, sagte Ponattu mit Blick auf die Industrie. Die Digitalisierung wirke wie ein Beschleuniger dieses Trends. «Und in der Industrie steht der große Schwung bei der Digitalisierung noch bevor.» Es gebe die Befürchtung, dass «Superstar-Firmen» aufgrund ihrer Finanzstärke kleine innovative Unternehmen aufkaufen oder verdrängen könnten.

Eine Verdi-Sprecherin sagte, Daten der Dienstleistungsgewerkschaft deuteten in dieselbe Richtung. Es gebe allerdings viele andere Gründe, warum die Lohnquote in Deutschland von 2002 bis 2017 deutlich gesunken sei. Dazu gehörten neben Digitalisierung und Globalisierung eine «dramatische Tarifflucht» vieler Unternehmen. Anfang dieses Jahrtausends arbeiteten laut Verdi 76 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland und 63 Prozent im Osten in tarifgebundenen Betrieben. 2017 waren es nur noch 57 Prozent (West) und 44 Prozent (Ost). (Text: Yuriko Wahl-Immel, dpa)

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